Als unser Kinderladen Mitte September eröffnet hat, bestand (und besteht) die Einrichtung aus ein paar geliehenen Tischen und Stühlen und Spielsachen, die die Eltern alle erstmal mitgebracht hatten.
Langsam gilt es also zu überlegen, was wir anschaffen wollen und wie wir die Räume gestalten.
Ich habe in den letzten Wochen einen Denkprozess in meinem Kopf ablaufen lassen, der mit: "schönen Holzspielsachen mit bisschen Duplo und bisschen Flohmarkt-Retro Sachen Mix" begonnen hat und dann über- "möglichst keine typischen Spielsachen, sondern Alltagsgegenstände aus der Erwachsenenwelt" bis zum jetzigen Ergebnis gereift ist.
Ich habe mir unzählige Bilder von Kindergärten im Netz angeschaut und mal wirklich überlegt, was Madita hier seit 3,5 Jahren zu Hause bespielt.
Meine Ausgangsüberlegungen waren:
- im Kinderladen sollen nicht die gleichen Sachen sein, wie bei den Kindern zu Hause
- es sollen auf keinen Fall typische Werfritz-Dinge gekauft werden weil die zum einen super teuer sind und zum anderen super-hässlich.
- im Kinderladen soll es schön sein
- der Kinderladen soll nicht zugemüllt werden
- ich wünsche mir für die Kinder, dass sie die Möglichkeit haben konzentriert und ausdauernd zu spielen und sich nicht langweilen.
Ich hatte zu meinen Ausgangspunkten einige Ideen- aber war mir unsicher und hatte das Gefühl auch sehr beschränkt zu denken.
Zum einen habe ich also eine AG gegründet und eine andere Mutter- auch Pädagogin übrigens- Theaterpädagogin- hatte Lust mitzudenken.
Zum anderen habe ich Bücher beschaffen: über Reggio-Pädagogik, über Offene Arbeit und über das Hamburger Raumgestaltungskonzept. Ich hatte nämlich gelesen, dass dieses Konzept auf Reggio basiert.
Also erstmal- die einige Bücher sind toll. Richtig toll!
1. Bildungsräume für Kinder von Null bis Drei von Angelika von der Beek
2. Bildungsräume für Kinder von Drei bis Sechs von Angelika von der Beek
Beide absolut empfehlenswert. Auch wenn ihr nicht gerade vor habt, einen Kinderladen einzurichten. Erstmal sind die Texte sehr gut und geben viel Input für Ideen, wie und mit was Kinder spielen und wie Kinder lernen. Es gibt auch sehr viele Bilder und das ganze sprudelt vor Inspiration für Selberbauer/innen.
Hier mal ein paar Einblicke- es ist kein richtiger Text sondern mein Brainstorming, das ist für die Teamsitzung vorbereitet habe:
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HAMBURGER RAUMGESTALTUNGSKONZEPT
basiert auf Reggio-Pädagogik und auf der Offenen Arbeit.
Reggiopädagogik:
Das Bild vom Kind in der ReggioPädagogik
- das Kind ist ein großer Forscher
- das Kind verfügt über zahlreiche Sprachen- es kann sich auf viele Arten ausdrücken also ob verbal, durch Mimik, durch Handlungen usw.
- das Kind ist selbst der Konstrukteur seines Wissens – das heißt das Kind wird als von Geburt an kompetent betrachtet. Der Wissenserwerb erfolgt nicht durch Vermittlungsprozesse zwischen Erwachsenem und Kind sondern im Selbstlernprozess des Kindes und ist eingebettet in eine demokratische Beziehung zu anderen Kindern und Erwachsenen. Die Aufgabe des Erziehenden ist Zuhören und Beobachten und das Kind bei Bedarf zu unterstützen.
Offene Arbeit in Kindergärten- Stichpunkte:
- Bild vom Kind als Akteur seiner Entwicklung
- die Orientierung an den Bedürfnissen der Kinder (fort von der Defizitorientierung)
- der hohe Stellenwert der Wahlfreiheit und des Freispiels
- flexible Zeitstrukturen
- Angebote und Projekte (mit einem Bezug auf Reggiopädagogik)
- Stammgruppen
- die freie Wahl der Bezugspersonen und der Freunde
- eine willkommenheißende Eingewöhnung
- die Öffnung der Mitarbeiter füreinander
- Diskursorientierung
- Verantwortung aller Mitarbeiter für den ganzen Kinderladen
- tägliche Planungsrunden
- das Fachfrauenprinzip
- Dialogische Zusammenarbeit mit Eltern
Hamburger Raumgestaltungskonzept
als die Verbindung von Denkweisen und Räumen
- konkretes Denken: Bewegungsraum (Bewegungsbaustelle nicht zu verwechseln mit herkömmlichen Toberäumen)
- gestaltendes Denken: Atelier und Bauraum
- erzählendes Denken: Rollenspielraum
- theoretisches Denken: überall (z.B. mathematisches Denken benötigt gleiches Material in großer Menge)
Tipps/Prioritätensetzung für kleine Kinderläden:
An erster Stelle steht der Bewegungsraum-
dann kommt das Atelier, dann der Bauraum und schließlich Rollenspielraum. Rollenspiele gehen nämlich überall.
Nicht bewährt haben sich Ruhe und Wahrnehmungsräume- in aller Regel werden sie von den Kindern in Toberäume umfunktioniert.
In den Anfängen der Offenen Arbeit wurden stets SnoezeleRäume eingerichtet- das hat nicht funktioniert. Das Hamburger Raumgestaltungskonzept suchte nach anderen Lösungen für das Bedürfnis der Kinder sich zu entspannen. Lösung: Hochebenen in den jeweiligen Räumen. Die Kinder können sich jederzeit zurückziehen- und zwar der Situation entsprechend.
Beim Bau von Podesten sollten möglichst Naturmaterialien verwendet werden. Dann entfällt die Notwendigkeit von Tastwänden und Taststrassen.
Keine Brettspielbereiche notwendig (Regelspiele): Weil die Kinder sich in verschiedensten Situationen an Regeln halten müssen und auch zu Hause meistens Regelspiele vorhanden sind.
Kind als Forscher.
Alle reden darüber. Aber was heißt es eigentlich? Widerspruch sind die zahlreichen Förderungen von Kindern und der Gedanke: Erwachsene müssen den Kindern was vorgeben- sonst passiert nichts.
Zugespitzt: Wenn wir auf die Ergebnisse der Forscher vertrauen, müssen wir den Kindern nichts beibringen. Denn alles was wir ihnen beibringen, machen Kinder von sich aus. Es soll auch nicht um Manipulation gehen. Also nicht darum sich möglichst geschickt dabei anzustellen, damit die Kinder freiwillig das tun, wozu wir sie sonst zwingen müssten.
Die pädagogische Frage lautet: wie sollen unsere Kinder lernen und forschen können? Welche Bedingungen sollen sie in unseren Räumen vorfinden?
Was spricht für Funktionsräume/Erfahrungsräume/Aktionsräume im Gegensatz zu multifunktionalen Gruppenräumen?:
Die ErzieherInnen müssen nicht dauernd was für die Kinder tun, sondern die Kinder können es selbst tun.
Die Kinder haben mehr Freiheit Ideen umzusetzen.
Die Kinder stellen selbst Verknüpfungen zwischen Rollenspiel, Bewegung und Bauen her.
Früher fragten die ErzieherInnen die Kinder: Was braucht ihr? Heute haben die Kinder fast alles parat.
Hamburger Raumkonzept schlägt folgende Bereiche vor:
- Bewegung (als Bewegungsbaustelle
- Atelier (einen Raum für Kunst, zum Schneiden, malen, rummatschen am besten ist es, wenn im Kinderladen ein großes Bad ist- da richtet man am idealsten ein Atelier ein)
- Bauraum (mit großen Klötzen, Kapla-Steinen, Brettern, Papperollen und ganz wichtig dem Belebungsmaterial)
- Rollenspiel/Theater (Verkleidungskisten, Dingen aus der Erwachsenwelt- wie Töpfe, Teller, Einkaufsladenzubehör, Decken)
- Musik
zu 1. Bewegungsbaustelle kann sein: Traktorreifenschläuche, Zauberkästen(das sind Turnkästen mit Aussparungen in die man zum Beispiel ein Brett klemmen kann), Bretter, halbierte Rundhölzer zum Balancieren. Decken, Schaukel.
zu 2. Es kommen keine von ErzieherInnen gebastelte Basteleien an die Fenster. Die Fenster sollen Licht reinlassen.
Wir basteln erst Ergebnisorientiert mit den Kindern, wenn sie das fordern. Ansonsten geht es um den Prozess und nicht um das Ergebnis. So werden auch keine Bilder aufgehängt- solang die Kinder nicht selbst auf die Idee kommen. Bastelmaterial sollte in großen Mengen vorhanden sein und zum experimentieren einladen. (Scheren, Tapetenkleister, Fingerfarben, Ton, Kataloge zum drin Rumschneiden, Tesafilm, Papierrollen, große Pinsel, Zeitungspapier)
zu 3. Belebungsmaterial:
Die meisten Kinder bauen um für alles Mögliche eine Behausung, einen Unterstand oder einen Weg zu haben. Deshalb brauchen sie viel Belebungsmaterial- also Tiere, Figuren, Fahrzeuge. So werden Bauernhöfe, Parkgaragen oder Häuser, Küchen, Kaufläden überflüssig. Diese können sich die Kinder je nach Bedarf selbst bauen.
Zu 3. Sortiersysteme:
Um die kleinen Teile aufzubewahren, braucht man Kästen, die auch zum bauen genutzt werden können. Sortiersysteme sind auch mathematisch- deshalb sollte ihnen viel Aufmerksamkeit geschenkt werden.
Zu 3. Akzente durch Spiegel- und großformatige Fotos von Bauwerken. Die Bauwerke der Kinder sollten auch fotografiert werden und als Inspiration in möglichst großen Formaten aufgehängt werden.
Große Bausteine werden an der Wand gestapelt. Mittelgroße in Container aufbewahrt.
Zu 4. Rollenspiel ist zum einen Verkleidungskiste, Spiegel, aber auch Puppen, Kochgeschirr, Einkaufsladenschnick-schnak usw
Esszimmer:
Stühle weg- Hocker kaufen. Die Hocker dürfen überall im Kinderladen benutzt werden. Sie dienen sowohl im Bauraum wie auch in der Bewegungsbaustelle als Bauteile. Sind also Multifunktional.
Wichtig sind: vielfältige Lichtquellen um die Räume plastischer und gemütlicher zu machen, keine Deko im herkömmlichen Sinne-, die Räume sollen alle zu einem vertieften konzentrierten forschen einladen. Von einem Material soll viel zur Verfügung stehen. Wenn wir zum Beispiel Baumaterial besorgen, sollen die Kinder die Möglichkeit haben nach Herzenslust mit den Sachen zu bauen und riesige Gebilde erschaffen. Also nicht so was wie eine Kiste Duplo und eine Kiste Holzklötze und eine Kiste sonstwas sondern zum Beispiel die Kaplasteine die 1000er Packungen verkauft werden.
Unser Kinderladen besteht aus zwei Räumen, einem recht großen Badezimmer und einem großen Esszimmer mit einer Küchentheke.
Es ist nicht wirklich sehr viel Platz und unsere Altersmischung ist auch nicht gerade einfach. Unser jüngstes Kind ist ein knappes Jahr alt und das älteste Kind beinah 4 Jahre alt.
Diese Ideensammlung wird sich also so nicht wirklich 1:1 übernehmen lassen. Und wir sind uns auch alle einig, dass wir Dogmatismus blöd finden- es werden also sicher noch einige Brüche dazu kommen. Trotzdem brenne ich für die Ideen und glaube, dass es eine ziemlich optimale Kinderladenumgebung werden kann.
In Berlin gibt es einen Wertstoffverwertungshof der uns viele unserer Ideen umsetzen lassen wird, ohne zum Beispiel 1000e von Euros in große Bauklötze investieren zu müssen.
Ich bin gespannt auf Eure Kommentare. Wie sieht es in Euren Kindergärten aus? Habt ihr Tipps? Erfahrungen?
2 Kommentare:
Ich stelle fest, dass unser Kindergarten nach dem Hamburger Raumkonzept angelegt ist - und zwar fast 1:1. Ich mag diese themenorientierte Aufteilung sehr gerne und meine Kinder sind seit insgesamt fünf Jahren dort sehr glücklich damit/gewesen.
Ich kann auch bestätigen, dass die erhöhten Spielebenen sehr zur Entzerrung beitragen und unglaublich gut angenommen werden...
Bewegungsbaustelle wird hier täglich angeboten, im Winter auch mehrfach, in kleineren Gruppen und wechselnder Besetzung, so dass man jeder Altersgruppe gerecht werden kann.
Ich stelle immer wieder fest, dass es im Kindergarten - trotz Altersmischung von 2 bis 7 und dem offenen Konzept, das es den Kindern erlaubt, sich im kompletten Gebäude frei zu bewegen, erstaunlich sortiert und ruhig zugeht, wenn man sich dort aufhält. Feste Strukturen gibt es nämlich trotzdem viele, vermutlich mehr als bei in sich geschlossenen Gruppen.
LG Tina
Ich arbeite seit August in einer neu angelegten , so genannten U2 Gruppe.
Kinder von 0-2 befinden sich in meiner Gruppe.
Wir haben derzeit 10 Kinder, die einen Gruppenraum, einen Essraum einen Schlafraum und ein Bad/Wickelzimmer bewohnen.
Ich komme aus einer Gruppe mit größeren Kindern und ich muss sagen, dass es eine enorme Umstellung ist mit den kleinen Mäusen zu arbeiten.
Ich finde es im Moment noch ziemlich wuselig. Die Kinder haben unterschiedliche Schlafrhythmen und dadurch ist es oft schwierig mit allen Kindern gemeinsam aktiv zu sein.
Ungünstig ist auf jeden Fall, wenn der Schlafraum direkt neben dem Gruppenraum ist. Dann müssen nämlich die wachen, spielenden Kinder ständig Rücksicht nehmen auf die jeweils schlafenden.
Multifunktionsräume wie Ess-Schlafräume sind daher auch ungünstig.
Unsere Kinder spielen gerne mit unterschiedlichen Materialien. Im Augenblick bieten sich Blätter sehr gut an. Vorsicht ist schon wieder bei Kastanien und Eicheln geboten. Leider sind wir durch unseren Träger der Einrichtung sehr bevormundet.
Ich wünsche euch für euren Kinderladen auf jeden Fall viele gute Ideen und kreative Eltern.
Bin gespannt wie es bei euch weiter geht. Über deinen Buchtip habe ich mich sehr gefreut. Das erste Buch habe ich schon bestellt.
Liebe Grüße
Betti
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