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Donnerstag, 28. April 2011

was der große Kindersender zu "Kein Küsschen auf Kommando" denkt ... und was ich so antworte

Da hatte ich heute eine Mail im Posteingang.
Da hat sich die gute Frau des Kindersenders wirklich hingesetzt und mir ausführlich geantwortet.
Ich wünschte irgendwie sie hätte es nicht getan.
Nicht dass ich das alles bisher wahnsinnig pädagogisch fand, was da so läuft, aber irgendwie hatte ich schon die naive Vorstellung, dass da Menschen sind, die eine wage Ahnung davon haben, was sie machen.
Nun muss ich antworten, wa? Und ihr was über Prävention schreiben....ah mensch.

Hier ihre Mail an mich. Ich sitze schon an der Antwort, aber bin noch nicht fertig. Ich weiß irgendwie gar nicht wo ich anfangen soll.


Sehr geehrte Frau B....,

vielen Dank für Ihre E-Mail. Bitte entschuldigen Sie, dass wir erst heute
auf Ihre Zuschrift reagieren. Aufgrund der Postberge, welche uns in den
vergangenen Wochen erreichten, war es uns leider nicht eher möglich.

Sie geben uns eine Rückmeldung zu einer Folge der Serie "Kleine
Prinzessin". Wir freuen uns über Ihre Zuschrift und die kritische
Auseinandersetzung mit der kleinen, recht selbstbezogenen, ein wenig
verzogenen Prinzessin.

Bei der Episode "Ich will die Tante nicht küssen" handelt es sich um die
den meisten Eltern vertraute Situation, dass das Kind von einem zum anderen
Tag die herzliche und familienübliche Begrüßung einer alten Tante
verweigert. Die Tante ist ja nun keine Fremde, sondern ein wohlbekanntes
Familienmitglied, das von Zeit zu Zeit zu Besuch kommt und auch in unserer
Serie wiederholt auftaucht. In den anderen Folgen hat die kleine Prinzessin
stets großen Spaß mit der alten Tante, sei es, dass eine Theateraufführung
nicht so gelingt wie geplant, sei es, dass der gemeinsame Urlaub schöner
ist als der getrennt verbrachte.

In der von Ihnen benannten Folge soll also die Prinzessin die Tante mit
einem Kuss begrüßen, was vom König und der Königin nicht hinterfragt wird,
weil das offenbar in der Tradition des Schlosses so gebräuchlich ist. Das
ist natürlich eine Konvention, die nicht in jeder Familie üblich ist. In
manchen werden Küsse ausgetauscht, in manchen ein Wangenkuss verabreicht,
dann wieder reicht ein freundlicher Handschlag. Insofern steht der
geforderte Kuss beispielhaft für eine herzliche Geste. Das sollten Sie mit
Ihrer Tochter in dieser Weise besprechen. Niemand will die zuschauenden
Kinder zum Küssen zwingen. Es tut uns leid, dass Sie das Filmexempel so eng
missverstanden haben. Andrerseits kennen alle Eltern die Situation, dass
Kinder einen Besucher nicht begrüßen wollen, dieses Ritual aber zur
Erziehung gehört. Dies ist die wahre und eigentlich sehr pädagogische
Botschaft, die der Autor Dave Ingham und wir mit dieser Episode vermitteln
wollten. Denn schließlich, und auch das zeigt der Film, führt die Akzeptanz
zu fröhlichem Miteinander und gemeinsamem Vergnügen.

Wir hoffen, das Missverständnis ausgeräumt zu haben und dass Sie weiterhin
gemeinsam mit Ihrer Tochter viel Spaß bei und mit der kleinen Prinzessin
haben werden.

Beste Grüße aus Erfurt sendet

M... H....

______
Edit


Und um die Aussagen hier nicht einfach so unkommentiert stehen zu lassen, hier meine Antwort.
Eigentlich ein wirklich anschauliches Beispiel, denn ich denke, dass was die nette Frau des Kindersenders hier schreibt, ist die Meinung der meisten Menschen, die sich noch nicht mit Prävention von sexuellem Missbrauch auseinander gesetzt haben.



Sehr geehrte Frau H.,



Vielen Dank für Ihre ausführliche E-Mail. 
Ich war postitiv überrascht überhaupt eine Antwort zu bekommen. Nun habe ich aber das Gefühl noch einige Dinge klarzustellen. Ich denke, Sie haben eine falsche Vorstellung davon, was mein großes Problem an der Folge der kleinen Prinzessin ist.

Ich habe ich mich als Erziehungswissenschafterin auf das Thema sexueller Missbrauch und Prävention von sexuellem Missbrauch spezialisiert, als diese möchte ich Ihnen kurz umreißen, wie Kinder zu Opfern sexuellen Missbrauchs werden und dann konkret auf die Episode der Kleinen Prinzessin eingehen. 
Ich hoffe so das vorliegende Missverständnis klären zu können.

In Deutschland ist etwa jedes 4. Mädchen und jeder 9. Junge im Verlauf ihrer Kindheit und Jugend mindestens einmal von sexuellem Missbrauch betroffen. 
50% davon von schwerem sexuellen Missbrauch, das heißt mit körperlichem Kontakt, die anderen 50% werden missbraucht, indem sie z.B. gezwungen werden Pornos anzuschauen oder sich vor der Täter bzw. Täterin selbst zu befriedigen usw. 
Die meisten Opfer sind zwischen 6-12 Jahre alt. Viele Kinder werden aber schon im Kleinkindalter oder aber auch als Säuglinge sexuell missbraucht.
Oft vollzieht sich der Beginn des Missbrauchs (und dann auch der Missbrauch selbst) über einen sehr langen Zeitraum. In diesem gehen Täter und Täterinnen (mindestens 15% der Menschen die Kinder sexuell missbrauchen sind auch Frauen) immer weiter in der Schwere seiner Handlungen. 

Die Täter und Täterinnen  sind zu 90% im engen und engsten Familien- und Bekanntenkreis zu finden. 
Das heißt, es handelt sich um Menschen die das Kind gut kennt und denen es oftmals vertraut - wie z.B. Erzieher und Erzieherinnen, Lehrer und Lehrerinnen, die Eltern selbst, Stiefeltern,Onkels und Tanten, Cousins und Cousinen, enge Freunde der Familie, Nachbarn und Nachbarinnen, Sporttrainer, Kinderpsychologen, Ärzte usw.
Weniger als 10% der Täter und Täterinnen waren dem Kind vor der Tat nicht bekannt. Das allgemein kursierende Bild des gefährlichen Fremden mit den Bonbons ist also ein Irrtum.
 
Wir wissen also, dass Täter und Täterinnen im Regelfall vertraute Personen sind
Genau diese Position nutzen Täter und Täterinnen als Strategie, um die Kinder zu verunsichern und gefügig zu machen. Die Täter und Täterinnen missbrauchen einerseits und andererseits bekommen die Kinder oft tolle Geschenke und Zuneigung von ihnen. Diese Mischung im Zusammenspiel mit Täterstrategien, zur Internalisierung von Schuld und schlechtem Gewissen, führt, neben einem großem Wirrwarr von irritierenden Gefühlen, zu  Schweigen über die Tat.

Eine identitätsstärkende Erziehung ist also ein Grundpfeiler moderner präventiver Arbeit. Präventive Arbeit stellt nicht die Gefahr des sexuellen Missbrauchs in den Mittelpunkt, sondern versucht die Kinder im Alltag zu stärken. Dazu gehört die Stärkung der Intuition des Kindes und die Ermutigung zum Widerstand und Ungehorsam, besonders in Situationen die das Selbstbestimmungsrecht des Kindes (eines jeden Menschen übrigends) einschränken.

Dem zu Grunde liegt die Idee, dass ein Kind was zu Gehorsam erzogen wurde und dem suggeriert wurde, dass Erwachsene immer recht haben, sich in einer Situation des sexuellen Missbrauchs nicht wehren kann.
Ein weiteres Präventionsziel ist auch die Sensibilisierung für mögliche Missbrauchssituationen: Keiner darf dich küssen wenn du es nicht willst usw. 
Kinder sollen also vorher schon so gestärkt werden, dass sie von dem Verhalten des Täters oder der Täterin irritiert sind und sich Hilfe holen.

Allgemein gilt es also Kinder in Alltagssituationen darin zu stärken, dass sie möglichst durch das Verhalten des Täters irritiert sind was im besten Fall dazu führt dass sie sich einer Dritten Person mitteilen.

Bezogen auf die besagte Folge der Kleinen Prinzessin sehe ich das wie folgt:

Ich habe die Prinzessin als eine sehr mitfühlenden und kooperativen Mensch "beobachtet". Sie ist selbstbewusst und wird von den Erwachsenen mit Respekt behandelt. 
Ich fand immer, dass sie eine tolle Identifikationsfigur für Kinder darstellt. 
Und bis auf die von uns nun diskutierte Folge mit dem Kuß, mag ich die Serie aus diesen Gründen wirklich gerne.

Sie schreiben:
"In der von Ihnen benannten Folge soll also die Prinzessin die Tante mit
einem Kuss begrüßen, was vom König und der Königin nicht hinterfragt wird,
weil das offenbar in der Tradition des Schlosses so gebräuchlich ist. Das
ist natürlich eine Konvention, die nicht in jeder Familie üblich ist. In
manchen werden Küsse ausgetauscht, in manchen ein Wangenkuss verabreicht,
dann wieder reicht ein freundlicher Handschlag. Insofern steht der
geforderte Kuss beispielhaft für eine herzliche Geste."

Ja, leider ist es viel zu oft noch üblich, dass Eltern nicht nur gewisse Vorstellungen davon haben, wie ihre Kinder andere Menschen begrüßen sollten, 
sondern diese mit körperlich oder erpresserischen Mitteln durchsetzten. Genau diese Strukturen machen Kinder zu potentiell sehr geeigneten Opfern. Wie sollen Kinder noch entscheiden können ob es Ok ist oder nicht wenn und was ein anderer Erwachsener über ihren Körper ihr Verhalten bestimmt?!
Genauso wenig wie wir als Erwachsene dazu gezwungen (ob auf manipulative Weise oder durch körperlichen Einsatz) werden sollten jemanden anderes zu Küssen (sei es auch nur zur Begrüßung) genauso wenig darf dies Kindern passieren. 

Natürlich ist es sehr oft so dass Eltern sich in einem Konflikt befinden: einerseits gibt es soziale Konventionen und andererseits das eigene Kind, dass diese noch nicht beherrscht oder (gerade nicht) ausüben möchte. Und genau hier liegt der Beitrag den jedes Elternteil zur Prävention von Missbrauch leisten  kann: sich genau solchen Situationen gegenüber zu Sensibilisieren und diese zu hinterfragen. Das Kind als Mensch mit dem Recht auf Selbstbestimmung wahrnehmen und schützen. (Achtung, dies heißt nicht das Kinder tun und lassen können was sie wollen, also bitte nicht verwechseln!)
Natürlich muss nicht alles was Kinder konsumieren eine Prävention vor sexuellem Missbrauch sein, könnten Sie einwenden.
Natürlich nicht. Es verstreicht zwar eine nette Chance, die Prävention wieder mal in den harmlosen Alltag einzubinden (denn dass die Tante der kleinen Prinzessin ihr nichts böses will, ist ja offensichtlich), aber nun gut.

Dennoch möchte ich Sie noch auf eine weitere Problematik hinweisen, die sie bisher garnicht in ihre Überlegungen einbezogen haben.
Wie gesagt kommen sehr viele Kinder im Lauf ihrer Kindheit mit sexuellem Missbrauch in Kontakt, werden direkt oder indirekt Opfer. 
Die besagte Folge der kleinen Prinzessin werden also sicher Kinder gesehen haben, die bereits Opfer von schweren sexuellen Missbrauch geworden sind. 
Viele davon, haben erfahrungsgemäß noch nicht den Mut gefunden, sich irgendwo Hilfe zu suchen und müssen die Situation mit sich selbst ausmachen.
Bei sexuellem Missbrauch laufen gewisse Muster 
ab (oben sprach ich z.B. bereits von Täterstrategien), diese Muster erkennen betroffene Kinder wieder.
Das Küsschen, obwohl man eigentlich nicht möchte und das Geschenk was man dafür bekommt, sind genau solche Muster, die viele betroffene Kinder kennen und hier mit Sicherheit wiedererkennen werden. Was für diese Kinder also als Quintessenz dieser Folge der kleinen Prinzessin stehenbleibt ist, dass auch die kleine Prinzessin etwas tut was sie nicht möchte, was sie sogar ekelig findet, dass sie dafür aber schließlich ihr Geschenk bekommt und die Eltern stolz und zufrieden sind, sie sich also nicht so anstellen soll.

Weiterhin schreiben Sie dass "die Akzeptanz zu fröhlichen Miteinander und gemeinsamen Vergnügen" führt. Warum muss dieses Vergnügen auf Kosten des Kindes gehen? Warum kann hier nicht die erwachsene Tante akzeptieren, dass das Kind die Tante gern hat ihr aber kein Kuss geben möchte? 

Kinder lernen an Vorbildern, in dieser Position sollten wir uns als Erwachsene konstant hinterfragen ob soziale Konventionen immer wichtiger als individuelle Grenzen sind oder ob nicht soziale Konventionen eh nur so weit reichen sollten wie sie die Grenzen des Einzelnen nicht überschreiten?!


Mit freundlichen Grüßen
...

Donnerstag, 21. April 2011

Kein Küsschen auf Kommando

Das Kind, R. und ich finden ja die kleine Prinzessin von Tony Ross ziemlich gut.

Letztens kam eine Folge auf Kika. In der Folge ging es darum, dass eine Tante kommen sollte und die kleine Prinzessin sich vor der Begrüßung fürchtete, weil die Tante so eklig ist und immer Küsschen geben möchte.
Die kleine Prinzessin versicherte also allen, dass sie die Tante auf keinen Fall zur Begrüßung küssen werde und verstecke sich unter dem Bett.

Die Königin weinte, weil sie unbedingt wollte, dass die Begrüßung (für die Tante) perfekt ablaufen sollte.

Und dann am Ende der Folge reiste diese Tante also an.
Die kleine Prinzessin kam sogar aus ihrem Versteck raus und begrüßte die Tante freundlich, aber diese wollte noch ihren Kuss.
Ein großer haariger Kußmund kann also auf die Prinzessin zu und sie ekelte sich furchtbar......

und dann überwand sie sich und küsste die Tante. Dafür bekam sie ein Geschenk. Es wäre gar nicht so eklig gewesen, wie sie befürchtet hatte, sagte sie dann.

???? HÄÄÄÄH??????

Ich saß völlig verstört vor dem Fernseher und konnte gar nicht glauben, dass das nun die Botschaft der Sendung war.
Es war das Hauptthema. Es ging während der ganzen Folge nur um diesen Kuss. Und die Botschaft ist also: "Ah komm, mach der Tante eine Freude und küss sie, wird schon nicht so schlimm sein?" Was ist das denn das für eine wahnsinnig beschissene Aussage.

Ich habe ja schon so einiges zu Prävention von sexuellem Missbrauch geschrieben. Das Thema finde ich wichtig und wir achten sehr darauf das Kind empfindsam für mögliche Täter oder Täterinnenstrategien zu machen.
Sie weiß, dass nur sie alleine über ihren Körper bestimmen darf. Dass heißt im Alltag zum Beispiel auch, dass wir sie nicht zum Naseputzen zwinge, wenn sie gerade keine Lust hat. Kleinigkeiten eben.

Sie weiß, dass nicht alles automatisch richtig ist, was Erwachsene machen.
Dass heißt im Alltag zum Beispiel, dass wir uns öfters bei ihr entschuldigen, wenn wir was blödes gemacht haben und ihr sagen, dass es doof von uns war. Oder auch, dass wir einfach nicht mit unserem "Erwachsensein" argumentieren. Und dass wir sie als vollwertigen Menschen respektieren.

In der alltäglichen Prävention vor sexuellem Missbrauch geht es nicht darum, dem Kind Angst zu machen. Also ich sage nicht: Du musst aufpassen und nie mit einem fremden Erwachsenen mitgehen, auch wenn er dir was tolles dafür bietet. (Wenn sie bisschen älter ist, werde ich aber sagen, dass es Erwachsene gibt, die wollen, dass das Kind ihren Penis oder Scheide berührt. Oder die selbst die Scheide oder den Penis von dem Kind anfassen wollen. Ich werde ihr sagen, dass das nicht in Ordnung ist, dass die Erwachsenen das nicht dürfen und das auch wissen. Dass sie das deshalb versteckt machen und dem Kind erzählen, dass es ein Geheimnis wäre. Dass es aber echt blöde Geheimnisse gibt und das wäre zum Beispiel so eins. Wenn so etwas passiert, dass kann das Kind zu mir oder einem anderen Erwachsen gehen und wir helfen ihr dann. Wichtig ist keine Angst zu machen und dann nicht so richtig zu erklären, was dann eigentlich passiert. Total blöd ist zum Beispiel: "Gehe nie mit einem Fremden mit. Der macht dann ganz schlimme Sachen.")

Wir versuchen unser Kind und auch unsere Betreuungskinder jeden Tag und in 1000 kleinen unbedeutenden Situationen darauf vorzubereiten, dass sie auf ihren Bauch hören sollen und dass Erwachsene im Normalfall darauf Rücksicht nehmen.

Ich denke mit Prävention ist es so. Es gibt eindeutig Fälle von sexuellem Missbrauch, vor denen man das Kind nicht schützen kann. Zum Beispiel wird sich kaum ein Kind dagegen wehren können, wenn der Erwachsene einfach seine körperliche Stärke anwendet.
So läuft es aber in den wenigsten Fällen. Meistens bauen Täter und Täterinnen Beziehungen auf. Der Missbrauch passiert langsam und schleichend. Die Kinder kennen diese Erwachsenen und mögen sie gerne. Täterinnen und Täter wenden fiese Strategien an um die Kinder zu beeinflussen. Ein Kind in der Weise zu stärken, dass es diese Strategien als "seltsam" für sich erkennt, ist auf jeden Fall eine riesige Aufgabe und nicht mit paar Gesprächen oder Bilderbüchern zu erledigen.
Eine konsequente und selbstkritische Reflexion des eigenen Umgangs mit dem Kind ist nötig. Man muss sich einfach entscheiden, würde ich sagen. Will man ein angepasstes "braves" Kind, dass gut funktioniert und halt vorraussichtlich auch gut für Täter oder Täterin funktionieren wird, weil es ja so erzogen wurde- oder will man ein Pippi Langstrumpf-Kind mit eigenem Kopf, was eben nicht so reibungslos funktioniert. Denn eins geht irgendwie nicht. Das Kind so "hinzubekommen", dass es bei mir brav allen die Hand gibt und immer gehorcht usw. und dann plötzlich aus heiterem Himmel in einer total komplexen und verwirrenden Situation die Stärke aufbringt "Nein" zu sagen und sich dann noch traut mir davon dann zu erzählen.
 Die Täter und Täterinnen sieben außerdem die potentiellen Opfer aus und suchen sich, wenn sie die Wahl haben, ein Kind, das sie als leichter "knackbar" einschätzen.
Pippi Langstrumpfs sind meistens zu anstrengend und fallen durch das Raster.

Wobei das natürlich alles nicht so schwarz weiß ist. Unser Kind, von je her als Pippi Langstrumpf erzogen, ist super kooperativ. In der Kita wird sie als "sehr brav" bezeichnet. "Gott, was haben wir nur falsch gemacht??!? ;-)"
 Aber sie ist es eben gewohnt, dass alle ihre Gefühle und Emotionen und Bedürfnisse von uns ernst genommen werden. Letztens hat eine Bekannte zu ihr gesagt: "Das kannst du noch nicht, dafür bist du zu klein". (Adultismus vom feinsten, denn es ging nicht um die Körpergröße, sondern darum eine Situation einzuschätzen.) Ich schaute das Kind an und das Kind schaute die Frau an und machte in völliger Gelassenheit weiter. Der Spruch war ihr glaube ich einfach so fremd und sie fand es so absurd, dass ihr jemand sagen will, was sie kann und was nicht.
Aber wird sie auch so cool sein, wenn ein Mensch den sie mag und dem sie vertraut anfängt sie zu manipulieren- keine Ahnung. Hoffentlich.
Man sollte einfach wachsam bleiben. Auch ein Pippi Langstrumpfkind ist natürlich nicht gegen alle Strategien geschützt.
Aber vielleicht traut sie sich dann wenigstens uns zu erzählen, dass da gerade was seltsames passiert. 

Und was ich irgendwie bisher ein bisschen ausgeblendet habe, was aber auch sehr wichtig ist, weil man das einfach wissen muss um Situationen richtig einzuschätzen oder Dinge zu deuten, die das Kind erzählt, ist, dass sehr oft die Täter und Täterinnen auch keine Erwachsene sind, sondern Jugendliche oder auch Kinder. Dazu ein anderes mal mehr.

Und jetzt schreib ich erstmal an  Kika.

Samstag, 4. September 2010

Sexueller Missbrauch II

Vor einigen Wochen, habe ich schon einen Post zu sexuellem Missbrauch an Kindern reingestellt.
Ich wurde seit dem öfters gebeten noch etwas darüber zu schreiben, was ich heute mal machen möchte.
Wie schon geschrieben, habe ich mich mit Prävention durch Bilderbücher beschäftigt und am Ende meiner Arbeit festgestellt, dass es da wirklich viel Mist gibt.
Natürlich kann ich hier eine Liste von "sinnvollen" und "schrottigen" Bilderbücher reinstellen (das mache ich auch gerne bald), aber ich finde, es ist wichtiger, Euch ein Gefühl dafür zu geben es selbst beurteilen zu können.
Wie schon beim letzten mal ist es diesmal auch so, dass ich der lesefreundlichkeitshalber keine Fußnoten benutze- . Wen es interessiert, dem reiche ich die Belege gerne nach.


Also, heute will ich was über Prävention schreiben.
Es gibt Täter und Täterinnenprävention, die total wichtig ist und in die leider viel zu wenig Geld investiert wird.
Es gibt in Berlin ein Projekt "Kein Täter werden" das mit Tätern und mit potentiellen Tätern zusammenarbeitet. Die Wartelisten hierfür sind sehr lang- das heißt es gibt viele Menschen die sich gerne helfen lassen würden, aber keine Gelegenheit dazu bekommen.


Ich beschäftige mich  hauptsächlich mit Opferprävention.
Bei Prävention unterscheidet man zwischen drei Formen.
-Primärprävention - also hier, die Verhinderung des Missbrauchs.
-Sekundärprävention - das möglichst frühzeitige Aufdecken und Unterbrechen des Missbrauchs.
-Tertiärprävention - das Ziel ist, Folgeschäden die durch den sexuellen Missbrauch entstanden sind zu lindern.


Es gibt passende Bilderbücher für jede der drei Präventionsformen. Man sollte sich also bei der Auswahl des Buches bewusst darüber sein, dass es da Unterschiede gibt und was man  eigentlich sucht.

Inhaltlich möchte ich hier vor allem auf Primärprävention eingehen. Ich bin Erziehungswissenschaftlerin und keine Psychologin.
Man unterscheidet heute bei der Primärprävention von sexuellem Missbrauch an Kindern zwischen dem traditionellen (also veralteten) Präventionsmodell und dem modernen (also dem "überarbeiteten und überdachtem" Präventionsmodell).

Das traditionelle Präventionsmodell ist das, was wir wohl alle kennen. Was es schon in unserer Kindheit gab und was die meisten Eltern einfach heute noch "nutzen".
Diese Prävention arbeitet mit Abschreckung. Es ist eine Art Verbots- und Gebotsprävention die mit Risikovermeidungsstrategien arbeitet.
"Nimm keine Süßigkeiten von Fremden an", "Geh nicht mit Fremden mit", "Geh nicht durch den Wald", "Sei zu Hause, bevor es dunkel wird".
Diese "Warnungen" verunsichern Kinder, da sie meistens nicht darüber informiert werden, warum sie sich vor den fremden Männern in acht nehmen müssen.
Doof ist es aber vor allem auch, weil diese Warnungen suggerieren, dass man demzufolge allen Erwachsenen die man kennt vertrauen kann.
Die traditionelle Prävention vermittelt also einfach falsche Infos, übt Kontrolle aus, erzeugt Abhängigkeiten, ruft Verwirrung und Angst hervor.
Besonders schwierig daran ist, dass die Verbote indirekt die Verantwortung für den eigenen Schutz alleine den Kindern übertragen.
Das heißt, die Überlegenheit der Täter und Täterinnen gegenüber den Kindern wird verkannt und den Kindern wird suggeriert, dass sie durch irgendein Verhalten einen sexuellen Übergriff abwehren könnten.
Natürlich ist da auch nicht alles falsch dran. Aber es ist wichtig, dass man nicht in dieser Art von Prävention stecken bleibt.


Moderne Prävention zielt darauf, die Kinder selbstständig in ihrer Beurteilung von Situationen zu machen und das Selbstvertrauen so zu stärken, so dass Kinder sich trauen sich aus Situationen herauszubewegen, wenn sie ihnen suspekt erscheinen.
Denn- so in Kurzversion: Gegen die Täter, die Kinder auf der Straße abgreifen, kann das Kind sich eigentlich überhaupt nicht wehren, da die Erwachsenen viel stärker sind als ihre Opfer.
Die allermeisten Täter (über 90%) sind aber dem Kind schon lange vor der Tat bekannt und der Missbrauch erfolgt oft schleichend. Die Kinder sollten also eher für diese Situationen gerüstet sein.

Moderne präventive Arbeit ist also integriert in eine allgemeine identitätsstärkende Erziehung- sie stellt also gar nicht beharrlich die Gefahr des sexuellen Missbrauchs in den Mittelpunkt, sondern besteht einfach aus dem Alltag der Kinder.
Ich zähle Euch jetzt mal die wichtigsten Präventionsziele auf- aber mir ist wichtig an dieser Stelle nochmal zu sagen, dass Prävention die sie ausschließlich an die potentiellen Opfer richtet, nur begrenzt tauglich ist.


Also sinnvolle Präventionsziele von sexuellem Missbrauch an Kindern sollten sein:


1. Stärkung der Intuition
In der Analyse von TäterInnenstrategien wird deutlich, dass TäterInnen ihre Opfer meistens manipulieren und versuchen, ihnen eine falsche Einschätzung der Situation aufzudrängen. TäterInnen, denen es gelingt, die kindlichen Gefühle umzudeuten und zu verwirren, haben es leichter, das Opfer unter Druck zu setzen.
Aus diesem Grund ist es wichtig, dass Kinder lernen, ihren eigenen Gefühlen zu vertrauen. Kindern, die es gewohnt sind, dass ihre Gefühle respektiert werden, die sich in ihren Gefühlen gar bestärkt wissen, fällt es leichter, die verwirrende Situation der Manipulation seitens des/der TäterIn zu verlassen.
Kinder, die gelernt haben, auf ihre Gefühle zu vertrauen, besitzen auch die Fähigkeit, angenehme von unangenehmen Berührungen zu unterscheiden.
Da TäterInnen den Übergriff oft planvoll aufbauen, ist der Übergang von verwirrenden Grenzüberschreitungen zum Missbrauch oft fließend und für Kinder nur schwer zu durchschauen.
Deshalb sollten Kinder ,komische’ Berührungen, wie sie TäterInnen in der Annährungsphase einsetzen, erkennen und den dadurch ausgelösten Irritationen vertrauen. Dies würde im besten Fall bedeuten, dass sich das potentielle Opfer der Situation schon zu Beginn entzieht und so die TäterInnenstrategien durchkreuzt.
Zu diesem Zweck ist es notwendig, die Kinder nicht mit diffusen Erklärungen schonen zu wollen, sondern Berührungen und sexuelle Handlungen deutlich zu benennen. Dabei sollten Begriffe zur Sprache kommen, die den Kindern vertraut sind. Das meint jedoch nicht, dass im Detail über sexuelle Handlungen zu sprechen wäre, da dies Kinder überforderte.
Und das fängt schon im Kleinen an: "ah komm, das hat gar nicht wehgetan" oder "doch, dass schmeckt gut" oder "es ist nicht zu warm, es ist kalt" oder "da brauchst du doch keine Angst zu haben" oder oder oder... oft sind die Eltern emsig damit beschäftigt, die Empfindungen ihrer Kinder nicht zu stärken sondern den Kindern das Gefühl zu geben, sie könnten Situationen nicht richtig einschätzen.
Ich glaube überhaupt ist das das zentralste Ziel bei der Eltern-Kind Beziehung überhaupt und auch bei der Prävention zu sexuellem Missbrauch. Das Kind zu stärken. Es soll seinem Bauchgefühl trauen können dürfen. Dass das nicht der einfachste Weg ist im Zusammenleben mit Kindern mag für sich für viele Eltern so anfühlen- aber dann sollten die Eltern mal ein bisschen darüber nachdenken.


2. "Gute" und "schlechte" Geheimnisse
Ein Punkt, bei dem die Intuition der Kinder besonders gefordert ist, ist die Fähigkeit zur Unterscheidung von so genannten ,guten’ und so genannten ,schlechten’ Geheimnissen. Viele TäterInnen bezeichnen den sexuellen Missbrauch vor ihrem Opfer als Geheimnis, um so das betroffene Kind unter Druck zu setzen. Da Geheimnisse für sich zu behalten als Zeichen von Reife gilt, können so die Opfer daran gehindert werden, sich Hilfe zu holen.
Aus diesem Grund sollte man Kindern den Unterschied zwischen ,guten’ und ,schlechten’ Geheimnissen beibringen. So sind Geheimnisse, die positive Gefühle auslösen, wie beispielsweise eine Überraschung oder ein Geschenk ‚gute’ Geheimnisse, die man für sich behalten darf. Geheimnisse jedoch, die mit Drohungen verbunden sind und negative Gefühle verursachen, sind ‚schlechte’ Geheimnisse und sollten weitererzählt werden.
Bereits Vorschulkindern Erlebnismöglichkeiten zu bieten, in denen sie den Unterschied zwischen ‚guten’ und ‚schlechten’ Geheimnissen erlernen können, ist ein unerlässliches Präventionsziel.
 
3. Widerstand und Ungehorsam
Aus dem Präventionsziel des Vertrauens auf die eigenen Gefühle folgt das Ziel, Kinder zum Widerstand und Ungehorsam zu ermutigen.
Bei den Strategien der TäterInnen, vor allem bei denjenigen, die aus dem sozialen Nahraum der Kinder stammen, finden so genannte ‚Testrituale’ statt, mittels derer ergründet werden soll, wie selbstsicher ein Kind ist und wie weit der/die TäterIn gehen kann. Zudem verlangen TäterInnen häufig von ihren Opfern Gehorsam, indem sie ihre überlegene Stellung als Erwachsene nutzen.
Kinder erleben täglich, mit welcher Selbstverständlichkeit Verwandte oder Bekannte ihrem eigenen Bedürfnis nach Körperlichkeit Ausdruck verleihen, ohne auf entsprechende Signale der Kinder zu achten. Für Kinder scheinen andere Regeln zu gelten als für Erwachsene. Gerade dort, wo Kinder geschützte Räume erleben sollten – in der eigenen Familie oder im nahen sozialen Umfeld – geschehen die meisten Übergriffe. Es reicht nicht aus, den Kindern immer wieder zu sagen, dass sie zu unangenehmen Berührungen ,Nein’ sagen dürfen. Kinder sollten die Möglichkeit haben, dieses ,Nein’ als Ausdruck für eine Vielfalt von Widerstandsformen, die es zu erwerben gilt, auch in vertrauten Beziehungen einzuüben und bestätigt zu wissen
In der Konsequenz erfordert dies für beide Seiten, sich Grenzverletzung zu stellen und sich beispielsweise zu entschuldigen, damit so deutlich wird, dass Verantwortung trägt, wer Grenzen verletzt. Kinder haben das Recht der Selbstbestimmung über den eigenen Körper, das Recht, Zärtlichkeiten anzunehmen oder zurückzuweisen. Als Maß zählt hier einzig die Wahrnehmung des Kindes und nicht die der Erwachsenen. Aber Situationen, in denen Kinder sich gegen Umarmungen, Liebkosungen und Küsse wehren, werden meist von Erwachsenen belächelt. „Manchmal führt die negative Reaktion des Kindes sogar zu Ungehaltenheit über die Abwehr.“ Notwendig wäre stattdessen eine bewusste Unterstützung der gelegentlichen Abwehr der Kinder, auch wenn es sich um scheinbar harmlose Situationen, wie den Kuss einer Tante, handelt.
Und in der Praxis bedeutet dass, dass mein Kind  z.B. niemandem die Hand zur Begrüßung geben muss, wenn es das nicht will. Nicht weil ich denke, dass „Handgeben“ etwas intimes ist, sondern, weil es eine gute Übung ist. Und auch, weil ich es wichtig finde, dass sie das für sich entscheiden darf.
Wir üben das alles ständig. Das Kind will gekitzelt werden, das mach ich- aber sobald das Kind sagt: „Aufhören!“ Höre ich auch auf. Einfach um es ganz selbstverständlich werden zu lassen, dass das Kind total über einen Körper entscheiden darf. Ich sage auch manchmal: „Hast du Lust mir einen Kuss zu geben?“ Und das Kind hat oft Lust- aber wenn es mal keine hat, würde ich nie sagen: „oooh- jetzt bin ich aber traurig“ Auch nicht zum Spass. Wegen dem Üben halt ;-) Ich muss das übrigens genauso üben. Mir fällt es selbst schwer in bestimmten Situationen "Nein" zu sagen- also das Kind zu unterstützen. Unsere Nachbarn z.B. kennen und mögen das Kind schon lange. Immer wenn Sie uns treffen halten wir ein Schwätzchen. Ich merke in letzter Zeit, dass das Kind zwar irgendwie diese Begegnungen geniest- aber sich auch davor fürchtet. Ihr wird im Gesicht rumgestreichelt, über den Kopf getätschelt- alles total lieb gemeint- aber ich merke, dass ihr diese Berührungen unheimlich sind- und irgendwie schaffe ich es trotzdem nicht mal nett zu sagen, dass sie das lassen sollen. Wir üben...

Edit vom 6.09: Und ich finde, dazu gehört auch, dass das Kind in anderen Situationen klar "Nein" sagen kann und wir das versuchen so oft wie möglich zu respektieren. Und ich würde auch nie soetwas sagen wie: "Aber ich bin der Erwachsene und du das Kind, und das ist der Grund, weshalb ich das jetzt bestimmen darf." Dann erklär ich lieber und rede mir den Mund fusselig-


4. Unterstützung
Ein Kind, das in der Situation des Missbrauchs den Mut aufbringt, sich einem Erwachsenen oder dem eigenen Umfeld gegenüber zu offenbaren, erfährt häufig negative Reaktionen. Dies geschieht in Form von Schuldzuweisungen, vor allem aber dadurch, dass man ihm keinen Glauben schenkt. Und auch die TäterInnen bauen darauf auf, dass einem Kind niemand glauben wird.


5. Sexualerziehung
Gerät Sexualität zu einem Tabuthema, wird ein zentrales Moment präventiver Konzepte sabotiert: Ein Kind kann nur dann einen Erwachsenen um Hilfe bitten, wenn es spürt, dass es darüber reden darf. Dabei ist es wichtig, dass Kinder schon frühzeitig über einen Wortschatz verfügen, mit dem sie Geschlechtsorgane benennen können.
Die Annahme, dass ein Kind möglicherweise mehrere Erwachsene um Hilfe bitten muss, bevor ihm geglaubt wird, spiegelt in der Tat die Realität dessen wider, was die Opfer sexuellen Missbrauchs häufig erleben. Deshalb ist es von großer Bedeutung, dem Kind zu vermitteln, dass es sich bei mehreren Menschen Hilfe holen darf und soll: „Sie brauchen die stetige Zusicherung, dass sie mit dem, was sie erlebt haben, ernst genommen werden.“
Ein weiterer Grund, weshalb sich manche Kinder nicht ihren Eltern bzw. Bezugspersonen anvertrauen, ist, dass sie befürchten, diese zu überfordern. Sie ahnen, dass Mutter oder Vater bzw. ErzieherIn diesem schweren Problem möglicherweise nicht gewachsen sind.
Für meine zweijährige Tochter heißt es: sie kennt ihre Scheide, weiß wo der Po ist,  kennt  den Penis von R. - sie hat das alles schon gesehen und sie stellt uns  Fragen darüber. Dass es wehtun kann wenn man was in die Scheide steckt, oder wenn man am Penis zieht- darüber haben wir  geredet.
Andere Sexualaufklärungen kommen dann nach und nach.

 
5. Kinder haben niemals Schuld
Kinder haben niemals Schuld an sexuellem Missbrauch. Auch wenn sie Geschenke angenommen haben oder angeblich die/den TäterIn ,provoziert’ haben. Die volle Schuld liegt stets bei der/dem TäterIn. Eine wesentliche TäterInnenstrategie besteht darin, Schuld und Verantwortung für die Tat den Kindern aufzubürden, um sich selbst vor Strafverfolgung zu schützen. Kinder, die sich schuldig fühlen, schweigen eher über das Erlebte. Eine Ursache für Schuldgefühle kann beispielsweise darin liegen, dass das Kind sich für den ,Familienunfrieden’ verantwortlich fühlt, der aufgrund von Gegenwehr gegen den Missbrauch entstehen könnte.





Also, eins kann ich schonmal sagen: ALLE Bilderbücher zu sexuellem Missbrauch, in deren Titel: "Fremder" vorkommt (und das sind ca. 70%) können in den Müll. Da gibt es ganz besonders schreckliche und auch nur ziemlich schlimme.
Und alle Bilderbücher die mit "Pass auf" oder "Vorsicht" anfangen (20%) können hinterher.

Richtig gut finde ich zur Primärprävention Bilderbücher, die den Körper zeigen und/oder schöne und blöde Gefühle thematisieren.

Da kann man nicht viel falsch machen- aber viel richtig.

Über die Bücher die explizit den Missbrauch thematisieren schreibe ich bald.


Es ist  nur eine gekürzte Fassung- der Text wirft wahrscheinlich mehr Fragen auf als er Antworten gibt- aber ich glaube, dass ein solcher Blogeintrag auch nur als Denkanstoß dienen kann.

Donnerstag, 15. Juli 2010

Spielplatz I I

"Also wirklich Leon, das schmeckt doch gut!" könnte man ersetzen durch "Schmeckt dir nicht, na gut- mir schmeckt es gut, aber Geschmäcker sind ja verschieden"

"Nichts passiert- brauchst nicht weinen, das tut gar nicht weh"
könnte man ersetzen durch "Ah mist, hast du dir wehgetan. Komm ich nehm dich in den Arm- das ist ja doof, wa?"

Ist übrigens der erste und einer der wichtigsten Grundsätze bei der Prävention von sexuellem Missbrauch an Kindern.
Die Kinder dabei unterstützen ihre Gefühle ernst zu nehmen. So lassen sich Kinder nicht ganz so leicht vom Täter verwirren, wenn dieser behauptet, dass sich das doch "schön anfühlt"- und sie eigentlich ein seltsames Gefühl im Bauch haben, wenn er ihren Po streichelt.
Kindern beizubringen auf ihre Gefühle zu hören funktioniert inden man sie ernst nimmt und zwar in Alltagssituationen und indem man ihre Gefühle und Bedürfnisse nicht abtut.

Bin ich mit meinem Freund essen und er behauptet, dass ihm die Lasagne nicht schmeckt, würde ich doch auch nicht sagen: "Doch, das schmeckt, jetzt iss auf"
Ich würde sagen: "Echt, schmeckt dir nicht? Mir schmeckt sie gut."
Wahlweise würde ich übrigens zu meiner 2 jährigen Tochter IMMER sagen: "Lass stehen, wenn es dir nicht schmeckt." Alles andere ist auch sinnfrei. Wenn es ihr nicht schmeckt, dann braucht sie es natürlich nicht zu essen. Da brauchen wir nicht zu disskutieren. Und  ob es mir schmeckt oder nicht, sieht sie ja daran ob ich es esse oder nicht.

Und schon gar nicht würde ich zu einer Freundin, die eben hingefallen ist und anfängt zu weinen sagen: "Los, aufstehen- das hat nicht wehgetan." oder "Stell dich nicht so an, das war nur ein Schreck!"

Montag, 12. Juli 2010

Sexueller Missbrauch

ich habe mich lange und ausführlich mit sexuellem Missbrauch an Kindern beschäftigt und meine Magisterarbeit zu diesem Thema geschrieben.
Selbst betroffen bin ich nicht- aber durch zahlreiche Gespräche im Rahmen meiner Magisterarbeit habe ich mit Erstaunen festgestellt, dass fast jeder und jede jemanden kennt der als Kind missbraucht wurde, manche waren selbst betroffen.

Mir ist es ein Anliegen Eltern für das Thema Missbrauch an Kindern zu sensibilisieren. Und weil ich heute eine neue Statistik gesehen habe aus der hervorgeht, wieviele meinen Blog eigentlich lesen, bin ich auf die Idee gekommen, dass es sinnvoll wäre hier das Thema aufzugreifen.
 

Etwa jedes 4.  Mädchen und jeder 9. Junge wird im Lauf seiner Kindheit  sexuell missbraucht.
Dabei handelt es sich  in 50% der Fälle um schweren Missbrauch. Das bedeutet Mastrubation an dem Täter/der Täterin oder an dem Opfer, analer, oraler oder vaginaler Geschlechtsverkehr, oder Einführen von verschiedenen Gegenständen in Scheide oder After des Kindes usw.

Bei den anderen 50% der Fälle ist der Körperkontakt nicht so intensiv, was aber wenig über die schwere des Missbrauchs bzw. die Traumatisierung des Opfers aussagt. Hierbei geht es z.B. um anschauen von Pornos, Anfassen des Busens oder des Pos, Zungenküsse, sexuell gefärbte Sprüche usw.

Die Mehrzahl der Opfer werden mehrmals missbraucht, wenige nur einmal. Dies belegt auch, dass die meisten Täter eben nicht der berühmte Fremde mit den Bonbons auf dem Spielplatz ist, vor dem die meisten Eltern warnen, sondern viel häufiger aus dem nahen Umfeld des Kindes kommt und so Gelegenheit hat, dass Kind über einen längeren Zeitraum zu missbrauchen.
Es gehört zu den Strategien eines Täters oder einer Täterin sich z.B. einen Beruf im nahen Umfeld von Kindern auszusuchen.
So finden sich viele Täter und Täterinnen unter Erziehern und Erzieherinnen, Lehrern und Lehrerinnen, in Sportvereinen und Kinder- und Jugendfreizeiten.

85% der Täter sind männlich und heterosexuell. 15% sind Frauen. Wobei es hier auch spannend ist, dass die Zahlen sich nur auf die kleine Zahl der Fälle bezieht, die ei der Polizei angezeigt werden. Es ist davon auszugehen, dass Fälle mit Täterinnen seltener zur Anzeige kommen, als die mit männlichen Tätern. Zum einen wird Kindern noch weniger geglaubt, wenn sie von einem Missbrauch von einer Frau berichten zum anderen glaubt man, dass der Missbrauch "weniger schlimm" gewesen sein muss. (Was allerdings  nicht der Wahrheit entspricht).

1/3 der verurteilten Täterinnen und Täter sind unter 18 Jahre alt. Wobei man hier auch von einer größeren Dunkelziffer ausgeht-


85% der Opfer sind Mädchen. Oft sind die Kinder zwischen 6-12 wenn der Missbrauch beginnt. Es werden aber durchaus auch viel jüngere Kinder, Kleinkinder und Säuglinge.

Es gibt Hinweise darauf, wenn ein Kind missbraucht wird. Diese sind aber nur als erste Orientierung zu sehen und natürlich keinesfalls Beweise. Jedes Opfer benimmt sich anders.
- ist mein Kind immer seltsam, nach dem es mit diesem Erwachsenen oder Jugendlichen alleine war?
-schafft ein bestimmter Erwachsener/Jugendlicher in unserem Umfeld immer wieder Situationen, in denen er mit meinem Kind alleine sein kann?
-habe ich gehört oder mitbekommen, dass ein Erwachsener/Jugendlicher öfters "medizinische Gründe" nennt um mein Kind auszuziehen oder am ganzen Körper einzucremen. (Z.Bsp. wegen Zeckensuche nackt ausziehen)

Immer wenn ein Kind von sexuellem Missbrauch berichtet muss man es ernst nehmen. Ganz häufig erzählen Kinder erstmal kleine Ausschnitte aus dem ihnen passierten um zu schauen, wie der Erwachsene dem sie sich anvertrauen reagiert. Oder auch, weil ihnen einfach die Worte fehlen um genau auszudrücken, was passiert ist.
Man sollte in einer solchen Situation versuchen ruhig zu bleiben und dem Kind geduldig zuzuhören und ihm das Gefühl zu geben, dass man ihm glaubt. Der nächste Schritt wäre es eine Beratungsstelle aufzusuchen und natürlich das Kind nicht mehr mit dem Täter oder der Täterin alleine zu lassen.

Gerne verschicke ich meine Magisterarbeit als pfd, wenn jemand von Euch die Quellen zu den Infos haben möchte oder einfach in das Thema tiefer einsteigen will.
Ich habe in meiner Arbeit den Schwerpunkt auf Prävention durch Bilderbücher gelegt, die das Thema "Sexueller missbrauch" thematisieren. Viele Bilderbücher die auf dem Markt sind, sind wirklich doof und wirken nicht präventiv sondern eher angstmachend und schuldauslösend. Es gibt aber einige, die ich wirklich weiterempfehlen kann.
Wenn es euch interessiert, kann ich gerne dazu nochmal was schreiben.

Ich bin mir bewusst darüber, dass der Post sehr aufwühlend ist und natürlich sind die knappen  Infos auch irgendwie unbefriedigend.