Da hat sich die gute Frau des Kindersenders wirklich hingesetzt und mir ausführlich geantwortet.
Ich wünschte irgendwie sie hätte es nicht getan.
Nicht dass ich das alles bisher wahnsinnig pädagogisch fand, was da so läuft, aber irgendwie hatte ich schon die naive Vorstellung, dass da Menschen sind, die eine wage Ahnung davon haben, was sie machen.
Nun muss ich antworten, wa? Und ihr was über Prävention schreiben....ah mensch.
Hier ihre Mail an mich. Ich sitze schon an der Antwort, aber bin noch nicht fertig. Ich weiß irgendwie gar nicht wo ich anfangen soll.
Sehr geehrte Frau B....,
vielen Dank für Ihre E-Mail. Bitte entschuldigen Sie, dass wir erst heute
auf Ihre Zuschrift reagieren. Aufgrund der Postberge, welche uns in den
vergangenen Wochen erreichten, war es uns leider nicht eher möglich.
Sie geben uns eine Rückmeldung zu einer Folge der Serie "Kleine
Prinzessin". Wir freuen uns über Ihre Zuschrift und die kritische
Auseinandersetzung mit der kleinen, recht selbstbezogenen, ein wenig
verzogenen Prinzessin.
Bei der Episode "Ich will die Tante nicht küssen" handelt es sich um die
den meisten Eltern vertraute Situation, dass das Kind von einem zum anderen
Tag die herzliche und familienübliche Begrüßung einer alten Tante
verweigert. Die Tante ist ja nun keine Fremde, sondern ein wohlbekanntes
Familienmitglied, das von Zeit zu Zeit zu Besuch kommt und auch in unserer
Serie wiederholt auftaucht. In den anderen Folgen hat die kleine Prinzessin
stets großen Spaß mit der alten Tante, sei es, dass eine Theateraufführung
nicht so gelingt wie geplant, sei es, dass der gemeinsame Urlaub schöner
ist als der getrennt verbrachte.
In der von Ihnen benannten Folge soll also die Prinzessin die Tante mit
einem Kuss begrüßen, was vom König und der Königin nicht hinterfragt wird,
weil das offenbar in der Tradition des Schlosses so gebräuchlich ist. Das
ist natürlich eine Konvention, die nicht in jeder Familie üblich ist. In
manchen werden Küsse ausgetauscht, in manchen ein Wangenkuss verabreicht,
dann wieder reicht ein freundlicher Handschlag. Insofern steht der
geforderte Kuss beispielhaft für eine herzliche Geste. Das sollten Sie mit
Ihrer Tochter in dieser Weise besprechen. Niemand will die zuschauenden
Kinder zum Küssen zwingen. Es tut uns leid, dass Sie das Filmexempel so eng
missverstanden haben. Andrerseits kennen alle Eltern die Situation, dass
Kinder einen Besucher nicht begrüßen wollen, dieses Ritual aber zur
Erziehung gehört. Dies ist die wahre und eigentlich sehr pädagogische
Botschaft, die der Autor Dave Ingham und wir mit dieser Episode vermitteln
wollten. Denn schließlich, und auch das zeigt der Film, führt die Akzeptanz
zu fröhlichem Miteinander und gemeinsamem Vergnügen.
Wir hoffen, das Missverständnis ausgeräumt zu haben und dass Sie weiterhin
gemeinsam mit Ihrer Tochter viel Spaß bei und mit der kleinen Prinzessin
haben werden.
Beste Grüße aus Erfurt sendet
M... H....
______
Edit
Und um die Aussagen hier nicht einfach so unkommentiert stehen zu lassen, hier meine Antwort.
Eigentlich ein wirklich anschauliches Beispiel, denn ich denke, dass was die nette Frau des Kindersenders hier schreibt, ist die Meinung der meisten Menschen, die sich noch nicht mit Prävention von sexuellem Missbrauch auseinander gesetzt haben.
Sehr geehrte Frau H.,
Vielen Dank für Ihre ausführliche E-Mail.
Ich war postitiv überrascht überhaupt eine Antwort zu bekommen. Nun habe ich aber das Gefühl noch einige Dinge klarzustellen. Ich denke, Sie haben eine falsche Vorstellung davon, was mein großes Problem an der Folge der kleinen Prinzessin ist.
Ich habe ich mich als Erziehungswissenschafterin auf das Thema sexueller Missbrauch und Prävention von sexuellem Missbrauch spezialisiert, als diese möchte ich Ihnen kurz umreißen, wie Kinder zu Opfern sexuellen Missbrauchs werden und dann konkret auf die Episode der Kleinen Prinzessin eingehen.
Ich hoffe so das vorliegende Missverständnis klären zu können.
In Deutschland ist etwa jedes 4. Mädchen und jeder 9. Junge im Verlauf ihrer Kindheit und Jugend mindestens einmal von sexuellem Missbrauch betroffen.
50% davon von schwerem sexuellen Missbrauch, das heißt mit körperlichem Kontakt, die anderen 50% werden missbraucht, indem sie z.B. gezwungen werden Pornos anzuschauen oder sich vor der Täter bzw. Täterin selbst zu befriedigen usw.
Die meisten Opfer sind zwischen 6-12 Jahre alt. Viele Kinder werden aber schon im Kleinkindalter oder aber auch als Säuglinge sexuell missbraucht.
Oft vollzieht sich der Beginn des Missbrauchs (und dann auch der Missbrauch selbst) über einen sehr langen Zeitraum. In diesem gehen Täter und Täterinnen (mindestens 15% der Menschen die Kinder sexuell missbrauchen sind auch Frauen) immer weiter in der Schwere seiner Handlungen.
Die Täter und Täterinnen sind zu 90% im engen und engsten Familien- und Bekanntenkreis zu finden.
Das heißt, es handelt sich um Menschen die das Kind gut kennt und denen es oftmals vertraut - wie z.B. Erzieher und Erzieherinnen, Lehrer und Lehrerinnen, die Eltern selbst, Stiefeltern,Onkels und Tanten, Cousins und Cousinen, enge Freunde der Familie, Nachbarn und Nachbarinnen, Sporttrainer, Kinderpsychologen, Ärzte usw.
Weniger als 10% der Täter und Täterinnen waren dem Kind vor der Tat nicht bekannt. Das allgemein kursierende Bild des gefährlichen Fremden mit den Bonbons ist also ein Irrtum.
Wir wissen also, dass Täter und Täterinnen im Regelfall vertraute Personen sind.
Genau diese Position nutzen Täter und Täterinnen als Strategie, um die Kinder zu verunsichern und gefügig zu machen. Die Täter und Täterinnen missbrauchen einerseits und andererseits bekommen die Kinder oft tolle Geschenke und Zuneigung von ihnen. Diese Mischung im Zusammenspiel mit Täterstrategien, zur Internalisierung von Schuld und schlechtem Gewissen, führt, neben einem großem Wirrwarr von irritierenden Gefühlen, zu Schweigen über die Tat.
Eine identitätsstärkende Erziehung ist also ein Grundpfeiler moderner präventiver Arbeit. Präventive Arbeit stellt nicht die Gefahr des sexuellen Missbrauchs in den Mittelpunkt, sondern versucht die Kinder im Alltag zu stärken. Dazu gehört die Stärkung der Intuition des Kindes und die Ermutigung zum Widerstand und Ungehorsam, besonders in Situationen die das Selbstbestimmungsrecht des Kindes (eines jeden Menschen übrigends) einschränken.
Dem zu Grunde liegt die Idee, dass ein Kind was zu Gehorsam erzogen wurde und dem suggeriert wurde, dass Erwachsene immer recht haben, sich in einer Situation des sexuellen Missbrauchs nicht wehren kann.
Ein weiteres Präventionsziel ist auch die Sensibilisierung für mögliche Missbrauchssituationen: Keiner darf dich küssen wenn du es nicht willst usw. Kinder sollen also vorher schon so gestärkt werden, dass sie von dem Verhalten des Täters oder der Täterin irritiert sind und sich Hilfe holen.
Ein weiteres Präventionsziel ist auch die Sensibilisierung für mögliche Missbrauchssituationen: Keiner darf dich küssen wenn du es nicht willst usw. Kinder sollen also vorher schon so gestärkt werden, dass sie von dem Verhalten des Täters oder der Täterin irritiert sind und sich Hilfe holen.
Allgemein gilt es also Kinder in Alltagssituationen darin zu stärken, dass sie möglichst durch das Verhalten des Täters irritiert sind was im besten Fall dazu führt dass sie sich einer Dritten Person mitteilen.
Bezogen auf die besagte Folge der Kleinen Prinzessin sehe ich das wie folgt:
Bezogen auf die besagte Folge der Kleinen Prinzessin sehe ich das wie folgt:
Ich habe die Prinzessin als eine sehr mitfühlenden und kooperativen Mensch "beobachtet". Sie ist selbstbewusst und wird von den Erwachsenen mit Respekt behandelt.
Ich fand immer, dass sie eine tolle Identifikationsfigur für Kinder darstellt.
Und bis auf die von uns nun diskutierte Folge mit dem Kuß, mag ich die Serie aus diesen Gründen wirklich gerne.
Sie schreiben:
"In der von Ihnen benannten Folge soll also die Prinzessin die Tante mit
einem Kuss begrüßen, was vom König und der Königin nicht hinterfragt wird,
weil das offenbar in der Tradition des Schlosses so gebräuchlich ist. Das
ist natürlich eine Konvention, die nicht in jeder Familie üblich ist. In
manchen werden Küsse ausgetauscht, in manchen ein Wangenkuss verabreicht,
dann wieder reicht ein freundlicher Handschlag. Insofern steht der
geforderte Kuss beispielhaft für eine herzliche Geste."
Sie schreiben:
"In der von Ihnen benannten Folge soll also die Prinzessin die Tante mit
einem Kuss begrüßen, was vom König und der Königin nicht hinterfragt wird,
weil das offenbar in der Tradition des Schlosses so gebräuchlich ist. Das
ist natürlich eine Konvention, die nicht in jeder Familie üblich ist. In
manchen werden Küsse ausgetauscht, in manchen ein Wangenkuss verabreicht,
dann wieder reicht ein freundlicher Handschlag. Insofern steht der
geforderte Kuss beispielhaft für eine herzliche Geste."
Ja, leider ist es viel zu oft noch üblich, dass Eltern nicht nur gewisse Vorstellungen davon haben, wie ihre Kinder andere Menschen begrüßen sollten,
sondern diese mit körperlich oder erpresserischen Mitteln durchsetzten. Genau diese Strukturen machen Kinder zu potentiell sehr geeigneten Opfern. Wie sollen Kinder noch entscheiden können ob es Ok ist oder nicht wenn und was ein anderer Erwachsener über ihren Körper ihr Verhalten bestimmt?!
Genauso wenig wie wir als Erwachsene dazu gezwungen (ob auf manipulative Weise oder durch körperlichen Einsatz) werden sollten jemanden anderes zu Küssen (sei es auch nur zur Begrüßung) genauso wenig darf dies Kindern passieren.
Natürlich ist es sehr oft so dass Eltern sich in einem Konflikt befinden: einerseits gibt es soziale Konventionen und andererseits das eigene Kind, dass diese noch nicht beherrscht oder (gerade nicht) ausüben möchte. Und genau hier liegt der Beitrag den jedes Elternteil zur Prävention von Missbrauch leisten kann: sich genau solchen Situationen gegenüber zu Sensibilisieren und diese zu hinterfragen. Das Kind als Mensch mit dem Recht auf Selbstbestimmung wahrnehmen und schützen. (Achtung, dies heißt nicht das Kinder tun und lassen können was sie wollen, also bitte nicht verwechseln!)
Natürlich muss nicht alles was Kinder konsumieren eine Prävention vor sexuellem Missbrauch sein, könnten Sie einwenden.
Natürlich nicht. Es verstreicht zwar eine nette Chance, die Prävention wieder mal in den harmlosen Alltag einzubinden (denn dass die Tante der kleinen Prinzessin ihr nichts böses will, ist ja offensichtlich), aber nun gut.
Dennoch möchte ich Sie noch auf eine weitere Problematik hinweisen, die sie bisher garnicht in ihre Überlegungen einbezogen haben.
Natürlich nicht. Es verstreicht zwar eine nette Chance, die Prävention wieder mal in den harmlosen Alltag einzubinden (denn dass die Tante der kleinen Prinzessin ihr nichts böses will, ist ja offensichtlich), aber nun gut.
Dennoch möchte ich Sie noch auf eine weitere Problematik hinweisen, die sie bisher garnicht in ihre Überlegungen einbezogen haben.
Wie gesagt kommen sehr viele Kinder im Lauf ihrer Kindheit mit sexuellem Missbrauch in Kontakt, werden direkt oder indirekt Opfer.
Die besagte Folge der kleinen Prinzessin werden also sicher Kinder gesehen haben, die bereits Opfer von schweren sexuellen Missbrauch geworden sind.
Viele davon, haben erfahrungsgemäß noch nicht den Mut gefunden, sich irgendwo Hilfe zu suchen und müssen die Situation mit sich selbst ausmachen.
Bei sexuellem Missbrauch laufen gewisse Muster ab (oben sprach ich z.B. bereits von Täterstrategien), diese Muster erkennen betroffene Kinder wieder.
Das Küsschen, obwohl man eigentlich nicht möchte und das Geschenk was man dafür bekommt, sind genau solche Muster, die viele betroffene Kinder kennen und hier mit Sicherheit wiedererkennen werden. Was für diese Kinder also als Quintessenz dieser Folge der kleinen Prinzessin stehenbleibt ist, dass auch die kleine Prinzessin etwas tut was sie nicht möchte, was sie sogar ekelig findet, dass sie dafür aber schließlich ihr Geschenk bekommt und die Eltern stolz und zufrieden sind, sie sich also nicht so anstellen soll.
Weiterhin schreiben Sie dass "die Akzeptanz zu fröhlichen Miteinander und gemeinsamen Vergnügen" führt. Warum muss dieses Vergnügen auf Kosten des Kindes gehen? Warum kann hier nicht die erwachsene Tante akzeptieren, dass das Kind die Tante gern hat ihr aber kein Kuss geben möchte?
Bei sexuellem Missbrauch laufen gewisse Muster ab (oben sprach ich z.B. bereits von Täterstrategien), diese Muster erkennen betroffene Kinder wieder.
Das Küsschen, obwohl man eigentlich nicht möchte und das Geschenk was man dafür bekommt, sind genau solche Muster, die viele betroffene Kinder kennen und hier mit Sicherheit wiedererkennen werden. Was für diese Kinder also als Quintessenz dieser Folge der kleinen Prinzessin stehenbleibt ist, dass auch die kleine Prinzessin etwas tut was sie nicht möchte, was sie sogar ekelig findet, dass sie dafür aber schließlich ihr Geschenk bekommt und die Eltern stolz und zufrieden sind, sie sich also nicht so anstellen soll.
Weiterhin schreiben Sie dass "die Akzeptanz zu fröhlichen Miteinander und gemeinsamen Vergnügen" führt. Warum muss dieses Vergnügen auf Kosten des Kindes gehen? Warum kann hier nicht die erwachsene Tante akzeptieren, dass das Kind die Tante gern hat ihr aber kein Kuss geben möchte?
Kinder lernen an Vorbildern, in dieser Position sollten wir uns als Erwachsene konstant hinterfragen ob soziale Konventionen immer wichtiger als individuelle Grenzen sind oder ob nicht soziale Konventionen eh nur so weit reichen sollten wie sie die Grenzen des Einzelnen nicht überschreiten?!
Mit freundlichen Grüßen
...
